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Was du über dein Körperfett wissen darfst...

  • schoenherrtobi
  • 16. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Körperfett – das unterschätzte Organ, das unsere Gesundheit steuert

Über viele Jahre wurde Körperfett als passiver Energiespeicher betrachtet – als überschüssiges Polster, das man möglichst reduzieren oder loswerden wollte. Die moderne Wissenschaft zeichnet heute jedoch ein völlig anderes Bild: Körperfett ist kein stummer Ballast, sondern ein hochaktives Organ. Es kommuniziert kontinuierlich mit dem Gehirn, dem Immunsystem, den Hormondrüsen, den Knochen – und beeinflusst sogar unser emotionales Erleben.

Wer Körperfett ausschließlich als Feind sieht, übersieht einen zentralen Regulator unserer Gesundheit. Denn entscheidend ist nicht allein, dass wir Fett haben, sondern wie dieses Fett im Körper organisiert ist und in welchem funktionellen Zustand es sich befindet.


Einleitung – Warum wir Fett neu denken müssen

Kaum ein Bestandteil des menschlichen Körpers ist emotional so stark aufgeladen wie Körperfett. Für viele Menschen steht es für Disziplinlosigkeit, Krankheit oder ein ästhetisches Problem. Es wird gemessen, bekämpft, kontrolliert. Kalorien werden gezählt, Schritte dokumentiert – und dabei oft ein entscheidender Punkt übersehen:

Körperfett ist kein passiver Speicher. Es ist ein komplexes Organ, das in ständigem Austausch mit unserem Gehirn, dem Immunsystem, dem Hormonhaushalt und sogar dem Skelett steht.

Die moderne Forschung zwingt uns dazu, unser Bild vom Fett grundlegend zu überdenken. Viele der sogenannten Zivilisationskrankheiten entstehen nicht primär, weil wir Fett besitzen, sondern weil das Fettgewebe seine gesunde Funktion verliert. Ein differenzierter Blick zeigt: Fett kann schützen, puffern und regulieren – es kann aber auch, wenn es chronisch überlastet ist, zum Treiber stiller Entzündungen werden.


Fett ist Leben – eine evolutionäre Erfolgsgeschichte

Aus evolutionärer Sicht war die Fähigkeit, Energie zu speichern, ein entscheidender Überlebensvorteil. Körperfett ermöglichte es dem Menschen in seiner ganzen Entwicklungsgeschichte, Hungerperioden zu überstehen, kalte Klimazonen zu besiedeln und Energie für Schwangerschaft, Stillzeit und Krankheit bereitzuhalten. Ohne Fett gäbe es keine stabile Fruchtbarkeit, keine ausreichenden Reserven bei Infekten und keine langfristige Energiesicherheit.

Diese biologische Logik wirkt bis heute. Der Körper gibt Fett nicht freiwillig auf, nur weil wir es möchten – er behandelt es als lebenswichtige Reserve. Studien zeigen, dass ältere Menschen mit moderaten Fettreserven schwere Erkrankungen oft besser überstehen, als sehr schlanke Personen. Körperfett ist daher kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil unseres biologischen Sicherheitskonzepts.

Eigenverantwortung beginnt nicht mit Selbstvorwürfen, sondern mit Verständnis: Der Körper arbeitet nicht gegen uns. Er versucht, unter den Bedingungen unserer modernen Lebensweise zu überleben.


Ein Organ, das kommuniziert – permanent

Was lange unterschätzt wurde: Fettgewebe ist hoch kommunikativ. Fettzellen produzieren zahlreiche Botenstoffe, sogenannte Adipokine, die dem Körper Informationen über den aktuellen Energiezustand liefern. Sie signalisieren, ob Reserven ausreichend sind, ob Stress besteht oder ob entzündliche Prozesse ablaufen.

Besonders bekannt ist das Hormon Leptin. Es wird vom Fettgewebe ausgeschüttet und informiert das Gehirn darüber, wie viel Energie im Körper verfügbar ist. In der Theorie bedeutet mehr Fett auch mehr Leptin – und damit weniger Hunger. In der Praxis kann dieses System bei dauerhaftem Überangebot jedoch an Empfindlichkeit verlieren.

Das erklärt, warum schnelle Gewichtsabnahmen häufig mit starkem Hunger und einem sinkenden Energieverbrauch einhergehen. Sinkt der Leptinspiegel abrupt, interpretiert das Gehirn dies als Gefahr. Viele Menschen erleben diesen Mechanismus als mangelnde Disziplin. Biologisch betrachtet handelt es sich um ein Schutzprogramm, das früher vor dem Verhungern bewahrte.

Darüber hinaus kommuniziert Fettgewebe nicht nur hormonell, sondern auch über direkte Nervenverbindungen. Fettdepots sind innerviert und können dem Gehirn schnell rückmelden, wenn Gewebe gestresst oder entzündet ist. Gesundheit hängt daher nicht nur von der Fettmenge ab, sondern vom Zustand eines aktiven Organs, das permanent mitsteuert.


Fett und Immunsystem – Schutz mit Kipppunkt

Zwischen den Fettzellen befinden sich zahlreiche Immunzellen. In gesundem Fettgewebe erfüllen sie wichtige Aufgaben: Sie unterstützen Reparaturprozesse, beseitigen beschädigte Zellen und regulieren Entzündungen. Fettgewebe ist damit auch ein Immunorgan.

Problematisch wird es, wenn Fettgewebe chronisch überlastet ist. Wachsen Fettzellen stark, kann die Durchblutung nicht mehr ausreichend Schritt halten. Sauerstoffmangel entsteht, Zellen geraten in Stress und senden Alarmsignale aus. Immunzellen werden aktiviert – zunächst als Hilfe, langfristig jedoch entsteht eine niedriggradige, dauerhafte Entzündung.

Diese stille Entzündung beschränkt sich nicht auf das Fettgewebe. Sie wirkt systemisch und beeinflusst zahlreiche Stoffwechselprozesse. Entzündungsstoffe können die Insulinwirkung stören und Insulinresistenz fördern – ein zentraler Schritt in Richtung Typ-2-Diabetes. Gleichzeitig werden Blutgefäße, Blutdruck und Fettstoffwechsel beeinträchtigt. Chronische Entzündung ist kein akutes Feuer, sondern ein permanenter Alarmzustand, der den Körper langfristig erschöpft.


Warum die Lage des Fetts entscheidend ist

Nicht jedes Fett wirkt gleich. Besonders die Verteilung entscheidet darüber, ob Fettgewebe eher schützt oder belastet. Subkutanes Fett, also das Fett unter der Haut, kann überschüssige Energie vergleichsweise sicher speichern. Es wirkt wie ein Puffer, ohne sofort starke Entzündungsreaktionen auszulösen.

Viszerales Fett hingegen liegt tief im Bauchraum und umgibt die inneren Organe. Es ist metabolisch besonders aktiv und neigt stärker dazu, entzündliche Botenstoffe zu produzieren. Deshalb ist viszerales Fett eng mit Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Problemen verbunden.

Diese Erkenntnis relativiert einfache Kennzahlen wie den Body-Mass-Index. Zwei Menschen mit gleichem BMI können völlig unterschiedliche Stoffwechselprofile haben. Eigenverantwortung bedeutet daher, den Körper ganzheitlich zu betrachten: Energielevel, Schlaf, Leistungsfähigkeit, Taillenumfang, Blutwerte und Alltagsbewegung liefern oft mehr Informationen als die Waage allein.


Fett, Gehirn und Psyche – ein sensibles Zusammenspiel

Die Kommunikation zwischen Fettgewebe und Gehirn beeinflusst nicht nur Hunger und Energieverbrauch, sondern auch Stimmung, Antrieb und kognitive Prozesse. Entzündliche Signale aus überlastetem Fettgewebe können Neurotransmittersysteme beeinflussen und damit emotionale Stabilität und mentale Klarheit verändern.

Das bedeutet nicht, dass Körperfett psychische Erkrankungen verursacht. Doch ein dauerhaft entzündeter Organismus befindet sich in einem Stressmodus, der sich bei vielen Menschen in Müdigkeit, Reizbarkeit oder Konzentrationsproblemen äußert. Gesundheitliche Selbstverantwortung umfasst deshalb auch Schlafqualität, Stressregulation und psychische Stabilität – Faktoren, die direkt auf das Fettgewebe zurückwirken.


Fett und Knochen – ein oft übersehener Zusammenhang

Auch der Knochenstoffwechsel ist in dieses Netzwerk eingebunden. Fettgewebe produziert Hormone, die den Knochenauf- und -abbau beeinflussen können. In einem gesunden Zustand kann dieser Einfluss schützend wirken. Bei entzündlich verändertem Fettgewebe kehrt sich dieser Effekt jedoch um: Entzündungsstoffe können knochenabbauende Prozesse fördern und die Knochenqualität langfristig beeinträchtigen.

Gesundheit lässt sich daher nicht in isolierten Kategorien denken. Pauschale Aussagen wie „mehr Gewicht schützt die Knochen“ greifen zu kurz. Entscheidend ist die Qualität der Signale, die das Fettgewebe sendet.


Warum radikale Lösungen selten nachhaltig sind

Wenn Fett ein Organ ist, ist der Ansatz „einfach weg damit“ selten sinnvoll. Nach kosmetischer Fettentfernung zeigt sich häufig, dass Fett an anderer Stelle wieder eingelagert wird – nicht selten vermehrt viszeral. Der Körper versucht, sein inneres Gleichgewicht zu bewahren.

Auch bei Diäten zeigt sich: Viele gesundheitliche Verbesserungen treten auf, bevor große Mengen Gewicht verloren wurden. Das deutet darauf hin, dass nicht allein das Gewicht entscheidend ist, sondern die Funktion und Verteilung des Fettgewebes.

Nachhaltige Veränderungen wirken hier stärker als radikale Maßnahmen. Regelmäßige Bewegung, insbesondere Alltagsbewegung kombiniert mit Krafttraining, ein stabiler Schlafrhythmus, Stressreduktion und eine entzündungsarme, blutzuckerstabile Ernährung wirken wie eine Feinjustierung des Fettgewebes. Sie verbessern Durchblutung, reduzieren Stresssignale und fördern metabolische Flexibilität.


Das Fettgedächtnis – warum der Körper nicht vergisst

Ein besonders spannender Aspekt ist das sogenannte Fettgedächtnis. Forschungen deuten darauf hin, dass Fettzellen epigenetische Spuren früherer Übergewichtsphasen speichern. Bestimmte genetische Schalter bleiben verändert, selbst wenn Gewicht verloren wurde. Das kann erklären, warum der Körper nach Diäten schneller wieder Fett einlagert und warum der Jo-Jo-Effekt so verbreitet ist.

Dies ist keine Ausrede, sondern eine Erklärung. Der Körper braucht Zeit und verlässliche Signale, um Vertrauen in eine stabile Energieversorgung zurückzugewinnen. Genau deshalb sind langfristige Routinen wirkungsvoller als kurzfristige Extreme.


Fazit – Fett als Teil eines neuen Gesundheitsverständnisses

Körperfett ist kein Gegner, sondern Teil eines fein abgestimmten Orchesters. Wenn ein Instrument aus dem Takt gerät, hilft es nicht, es zu entfernen. Es muss neu gestimmt werden.

Nicht Fett an sich ist das Problem, sondern Fettgewebe, das durch chronische Überlastung, Schlafmangel, Stress, Bewegungsmangel und dauerhaftes Überangebot seine gesunde Funktion verliert. Wer Gesundheit verstehen und aktiv gestalten möchte, profitiert von dieser Perspektive. Sie nimmt Schuld aus der Gleichung und ersetzt sie durch biologisches Verständnis.

Viele Stellschrauben liegen im Alltag – in kleinen, wiederholbaren Entscheidungen. Genau dort beginnt echte, nachhaltige Gesundheit.

Körperfett ist Teil unseres biologischen Sicherheitskonzepts – und verdient einen neuen Blick.

 
 
 

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